Medikationsplan: Meilenstein mit Stolperfalle

Bis zu 58.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich – weil sie Medikamente einnehmen, die als Kombination gefährliche Wechselwirkungen haben können. Eine Ursache ist mangelnde Transparenz über die Arzneimittelhistorie der Patienten: Hausärzte und Fachärzte sind nicht miteinander vernetzt, so dass es an Überblick fehlt, welche Medikamente die Kollegen bereits verschrieben haben. Das soll sich nun ändern – ab 1. Oktober gibt es den so genannten Medikationsplan. Er soll erstmals ärzteübergreifend Wirkstoff und Dosierung aller rezeptpflichtigen Medikamente eines Patienten auflisten. Gesetzlichen Anspruch auf einen Medikationsplan hat allerdings nur, wer mindestens drei ärztlich verordnete Wirkstoffe einnimmt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt: Das gilt zwar immerhin für rund 30 Prozent der Menschen in Deutschland. Insgesamt also für knapp jeden Dritten, bei den ab 55-Jährigen sogar für nahezu jeden Zweiten. „Aber wie viele Patienten werden ihren Anspruch auch tatsächlich geltend machen?“, fragt Apotheker Konstantin Primbas. Er ist Gründer und Inhaber der Berliner Versandapotheke Aponeo – und Auftraggeber der YouGov-Umfrage. Grund für seine Skepsis: Erstmals erstellt werden müsse der Plan vom Haus- oder Facharzt, und dies voraussichtlich nicht selten erst auf Nachfrage, der Medikationsplan koste Zeit. „Gerade ältere Patienten treten aber ungern als vermeintliche Bittsteller beim Arzt auf“, so Primbas. Dabei sei der Plan ein Meilenstein, auf den man bestehen solle. „Er kann Leben retten. Oder zumindest Leben verlängern, weil die Medikamentenwahl besser aufeinander abgestimmt wird.“ Der Arzt erstellt den Medikationsplan dabei zunächst nur in Papierform – obwohl das neue Instrument aus der E-Health-Gesetzgebung resultiert, die eigentlich mehr Telemedizin bringen soll. Nur hinkt die Realität hinterher. Dass die Daten beispielsweise auf der Gesundheitskarte des Patienten gespeichert werden, wird man wohl erst ab 2018 erleben.

Apotheken als Fortschreiber – und mehr

Einmal erstellt, muss das Papier bei jeder Änderung der Medikation aktualisiert werden. Dazu sind erneut die Haus- und Fachärzte befugt, aber auch Krankenhäuser und Apotheken. „Apotheken haben dabei eine deutlich größere Rolle als nur die eines Fortschreibers“, sagt Primbas. Sie hätten vor allem den besseren Überblick, welche frei verkäuflichen Medikamente und Präparate ein Patient zusätzlich zu den verordneten Medikamenten erwirbt. Und: Apotheken dürften die Medikationspläne um eben jene freiverkäuflichen Mittel ergänzen. YouGov zufolge nahmen fast 70 Prozent der Befragten mindestens ein solches Mittel in den vergangenen 12 Monaten. „In der Spitze nehmen die Menschen ein Dutzend oder mehr, und seien es nur Nahrungsergänzungsmittel oder Vitamine. Auch hier sind Wechselwirkungen denkbar, zumal gerade in diesem Fällen oft noch eine gewisse Zahl an verschreibungspflichtigen Mitteln dazukommt“, so Primbas. Rezeptfreie Arzneimittel nicht zu berücksichtigen, das sei ein möglicher Stolperstein. „Je umfassender der Medikationsplan, desto mehr Sicherheit für den Menschen.“

Maschinell sortiert und einzeln verpackt?

Denkbar ist auch, dass der Medikationsplan nicht nur über die erstmalige Transparenz für mehr Patientensicherheit sorgt – sondern auch durch neue Services. Ein Beispiel: Apotheken lesen den Medikationsplan ein und liefern daraufhin patientengenau dosierte Portionen der entsprechenden Kapseln und Pillen – für jeden Tagesabschnitt individuell abgezählt und gebündelt in durchsichtigen Beuteln, die automatisiert befüllt und verschweißt werden. Der Patient reißt morgens einen Beutel ab, öffnet ihn und nimmt alle Medikamente, die sich darin befinden. Mittags reißt er den nächsten Beutel ab etc. „Die richtigen Medikamente, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Dosierung – wenn Patienten oder Angehörige eine Vielzahl an Arzneien händisch aus den verschiedenen Großpackungen drücken und dann für unterschiedliche Einnahmezeiten sortieren, kann irgendwann ein Fehler passieren“, sagt Primbas. „Wenn der Sortierprozess automatisiert ist, wird jeder Beutel doppelt geprüft und das Ergebnis fotografisch dokumentiert. Der Gesetzgeber legt den Sicherheitsstandard hier extrem hoch“, so Hartmut Deiwick. Er ist Geschäftsführer des Apotheken-Dienstleisters PharmaHera. In anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika sei die patientenindividuell sortierte und für jeden Tagesabschnitt einzeln verpackte Medikamentenlieferung vergleichsweise etabliert. „Bei uns ist das noch ein junger Trend, der aber gerade auch durch den Medikationsplan groß werden kann“, so Deiwick. Der demografische Wandel sei ein weiterer wesentlicher Treiber. Und: „Falls eines Tages die Preisbindung von rezeptpflichtigen Medikamenten fällt, wird das den Trend weiter befeuern“, ist sich Deiwick sicher. Gegenwärtig jedoch gilt: Weniger als eine Hand voll führender Versandapotheken sei ihm bekannt, die hierzulande bereits einen entsprechenden Service anbieten. Eine davon sei Aponeo.

Alle Daten, soweit nicht anders angegeben, sind von der YouGov Deutschland GmbH bereitgestellt. An der Befragung zwischen dem 07.09. und dem 09.09.2016 nahmen 2.105 Personen teil. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung (Alter 18+).

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Add to favorites
  • RSS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.